Dr. Erwin Treu: Wege einer Malerin
1955-1968 Kunstmsueum Basel
1968-1971 Director of the Museum für Gestaltung Basel
1971-1990 Director of the Ulmer Museum Ulm
Michelle Bird ist in vieler Hinsicht eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Schon ihre Biographie weicht von jeder Norm ab, und so ist auch ihre Kunst nicht einfach einzuordnen und zu analysieren. Geboren ist die Künstlerin in San Francisco, und ihre Jugendzeit verbrachte sie dort an der amerikanischen Westküste.
Schon früh bringen die familiären Bindungen das junge, hochbegabte Mädchen zur Kunst im weitesten Sinne. Die Mutter, eine Amerikanerin mit nordeuropäischen Wurzeln, ist eine erfolgreiche Designerin, die ausserdem noch Politik-wissenschaften studiert hat. Der Vater ein mongolischer Chinese aus Shanghai. Er ist Maler, Fotograf und Politiker. Mit diesem Erbgut ist nicht nur der Weg zu künstlerischer Tätigkeit, sondern auch für ein Leben voller Weltoffenheit und unbezähmbarer Kraft vorgezeichnet.
Noch als Schulkind, geniesst Michelle künstlerische Ausbildungen, die durch die Tätigkeiten der Eltern verstärkt werden. So erwacht auch bald die Neugierde auf die künstlerischen Ereignisse in ihrem engeren und weiteren Umfeld. Es ist aber nicht nur die bildende Kunst, die die Entwicklung der Künstlerin begleitet, sondern auch die Begeisterung für die Architektur, die Fotografie und die Musik - speziell die Oper und das Ballett. In die blühende lokale Kunstszene der amerikanischen Westkünste mit den vielen internationalen Künstlern, Komponisten und Schriftstellern taucht sie tief ein, und Michelle Bird erinnert sich dankbar an diese Zeit, in der sie viel an Erfahrung profitiert und die sie prägt.
Die grosse amerikanische Kunst mit ihrer weit nach Europa ausstrahlenden Bedeutung nimmt sie in sich auf, und Künstler wie Keith Haring und Andy Warhol und viele andere erwecken ihre Begeisterung. Diese Hard Edge Kunst mit ihren charakteristischen abstrakten Kompositionen von chromatischen Farbfeldern, wie auch gegenständlichen Figurationen bewundert die Künstlerin. Da wir keine Arbeiten von Michelle aus jener Zeit kennen, wissen wir nicht, ob diese wichtige amerikanische Kunst irgendwelche Einflüsse auf ihre eigene Kunst bewirkt hat. Das ist aber eher zu bezweifeln.
Wohl von ihren ersten künstlerischen Bemühungen an geht Michelle Bird ihren eigenen, ganz persönlichen Weg jenseits aller aktuellen Strömungen und Gruppierungen. Sie bleibt trotz unterschiedlichster künstlerischer Lehrerinnen und Lehrer eine eigene, eigenwillige Künstlerpersönlichkeit.
Neben ihren vielseitigen künstlerischen Interessen und Tätigkeiten bleibt noch Zeit für den Besuch und die Absolvierung einer Segelschule und die Renovation eines eigenen Segelbootes aus Holz. Sie wird eine begeisterte Seglerin.
1990, mit 25 Jahren, verlässt Michelle Bird Amerika und zieht nach Europa, nach Amsterdam. Als eine Flucht bezeichnet sie später diesen Umzug. In Amsterdam taucht sie voll in das dortige lebendige und interessante Kulturleben ein. Wie in Amerika interessiert sie sich für alles: für Musik, Oper, Tanz, Ausstellungen, sowie auch für weiter entfernt Liegendes wie Computertechnik, Bronzeguss, Restaurierungstechniken. Aber die Malerei bleibt immer ihr wichtigstes Anliegen.
1998 verursacht der tragische Tod des Freundes einen entscheidenden Wendepunkt und eine Neubesinnung im Leben von Michelle Bird. Es wird ihr bewusst, dass die Malerei ihr eigentliches Leben ist. Hier findet sie Trost, hier erwachen neues Leben, neue Freude und Befriedigung, hier hat das Dasein wieder einen Sinn. Sie erzählt, dass sie nach dem Tod des Freundes in den folgenden sechs Jahren praktisch jeden Tag gemalt hat.
Zunächst aber flieht sie in die weite Welt. Sie reist nach Indien, besucht Bali, verfolgt in Indonesien Batikarbeiten und besucht in Java und Indonesien Künstler, um die dortige zeitgenössische Kunst kennen zu lernen.
Bei ihrer Rückkehr nach Amsterdam stürzt sich die Künstlerin voll auf die Malerei, besucht verschiedene Akademien und Schulen, ohne jedoch eine ausreichende Antwort für ihre Kunst zu finden. Daneben nimmt sie sich Zeit für Reisen, die sie in alle bedeutenden Museen Europas führen. Zu ihren Kunstwanderungen zählen Abstecher nach Schweden oder Rumänien.
Dann aber kommen in Amsterdam wieder die Enttäuschungen, die sie in Kunstschulen immer mehr bedrücken. Sie sucht sich einen Mentor, und es ist ihr persönliches Glück, dass sie dem Maler Anton Martineau vorgestellt wird, dessen Schülerin sie von 2001 bis 2004 bleibt. Nach ihren Worten hat er ihre Welt vom ersten Moment an verändert.
Martineau, 1926 geboren, gehört der Generation der Künstler der CoBrA (= Cobra) Gruppe an, die damals die dortige Kunstszene beherrscht, von der er sich aber deutlich unterscheidet und abgrenzt. Die 1948 in Paris gegründete Cobra Gruppe bestand eigentlich nur bis in die 1950er Jahre, ihre Wirkung und Nachfolge findet aber noch Jahrzehnte später einen Niederschlag.
Michelle Birds künstlerische Weiterentwicklung wird nun durch zwei Blöcke bedroht, aber nur scheinbar eingeengt. Auf der einen Seite ihr Lehrer und Mentor Martineau. Er pflegt eine Malweise, die informelle Züge aufweist, aber Elemente der Volkskunst, der Kunst der Primitiven und der „art brut“ zu einem eigenwilligen Stil verarbeitet. Auf der anderen Seite die Kunst der Cobra Künstler mit deren wichtigsten Vertretern Karel Appel, Ansgar Jorn und Pierre Alechinsky. Ihre Malerei ist ein Prozess der impulsiven Gestik, der vehementen Linien und der Farbexplosionen. Es ist eine informelle expressive Malerei, die aber auch – ähnlich der Kunst von Martineau – Anleihen aus der Kunst der Primitiven, auch der Geisteskranken nimmt.
Immer wieder wurde und wird die Malerei von Michelle Bird in die Nähe der Cobra Maler gebracht. Das ist so nicht richtig! Ihre Kunst lässt sich zunächst in keine Kunstströmung einordnen. Die avantgardistische Cobra Gruppe hat Michelle Bird sicher beschäftigt, und sie hat sich mit ihrer Malerei auseinandergesetzt. Nie aber haben sie ihren Malstil geprägt oder beeinflusst. Die künstlerische Welt von Michelle Bird ist die Farbe, nicht die Gestik. Ihre Kunst will Lebensfreude zum Ausdruck bringen, und sie hat nichts mit der Aufbruchstimmung der Cobra Maler nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges zu tun.
Doch auch die Kunst von Anton Martineau, ihres verehrten und bewunderten Lehrers, hat in Michelle Birds künstlerischer Weiterentwicklung kaum Spuren hinterlassen, was insofern überrascht, weil Martineau nicht nur einen starken künstlerischen Einfluss auf sie hatte, sondern auch intensiv mit ihr gearbeitet hat.
Die Künstlerin beschreibt ihre Arbeit mit Martineau als eine andauernde lebendige und befruchtende Begegnung: Am Morgen begannen wir mit der Malerei… am Nachmittag wurden die Arbeiten analysiert… Stärken und Schwächen gesucht… um zu verstehen, was meine Handschrift war… Schöner und dankbarer kann eine Schülerin nicht über ihren Lehrer urteilen.
Trotz dieser intensiven künstlerischen Beziehung blieb die Malerei von Anton Martineau in der Kunst von Michelle Bird verdeckt. Nicht die Cobra Maler, nicht der verehrte Lehrer Martineau haben die Malerei von Michelle Bird geprägt, sondern allein ihre künstlerische Kraft, ihr künstlerischer Wille, ihr unbeugsamer Instinkt, einen eigenen Weg zu suchen und zu finden.
Michelle Bird ist eine Malerin der Farbe, der „Peinture“, und nicht der Gestik. Ihre Palette ist so farbenfreudig wie es ihre Bilder sind. Die schwarze Farbe verwendet sie nur sparsam und nie dominant. Ihr Pinselstrich ist kurz und nur selten heftig. Bei aller Abstraktion liebt die Künstlerin auch das Figurale und kommt dort ihrem Lehrer Martineau am nächsten. Ihre abstrakten Bilder strömen Lebensfreude und Lebenslust aus. Wo sie gegenständlich wird, kommen dagegen auch Gedanken aus dem Transzendentalen, aus dem Unergründlichen und Rätselhaften des Lebens zum Ausdruck. Am Schönsten beschreibt die Künstlerin ihre Malerei mit den eigenen Worten: ich liebe das Spiel mit dem Rhythmus, die Tiefe und das Licht, Gegenüberstellung, Komplexität und Harmonie. Ich male mit glühenden Pinselstrichen, die reich an Farbe sind. Meine Kunst und Malweise sind intuitiv, und meine Beziehung zur Farbe ist taktile Erotik…
Über der Malerei von Michelle Bird wird gerne übersehen, dass sie auch eine begnadete Zeichnerin ist. Ihre Skizzenbücher sind voll von grandiosen skizzenhaften Zeichnungen. Bewundernswert sind ihre autonomen Zeichnungen. Sie sind von grosser Meisterschaft, und die Portraitzeichnungen beweisen ihr Können. Wer so hervorragend zeichnen kann, ist auch ein erstklassiger Maler. Die Zeichnung, die keinen Fehler und keine Schwachstelle verbergen kann, ist die Voraussetzung und Bestätigung für die hohe Qualität der Malerei, gleichgültig ob diese abstrakt oder figural ist.
Michelle Bird, die Ausstellungen im In- und Ausland nachweisen kann und deren Arbeiten an vielen Orten zu sehen sind, ist eine Malerin, deren Namen man sich merken muss. Ihre Kunst wird überall dort, wo sie anzutreffen ist, Freude erwecken durch ihre hohe Qualität.